Arbeitsprinzip
Klar sehen, klar denken, klar handeln.
Die Fragen sind kein Automat zur Wahrheitsfindung. Sie helfen dabei, eine weitreichende Zuschreibung in kleinere, überprüfbare Schritte zu zerlegen. Wo ein Schritt nicht getragen ist, endet die belastbare Aussage.
Für JournalistenEine starke Nachfrage behauptet nicht sofort, die bisherige Darstellung sei falsch. Sie fragt, welcher Beleg den nächsten Schritt trägt und welcher Befund die Annahme schwächen könnte.
Prüffolge
Zwölf Fragen vor einer weitreichenden Zuschreibung
01
Welcher Teil des Schadens ist durch materielle Spuren oder unabhängige Quellen gesichert?
Warum?Der erste Befund beschreibt, was geschehen ist. Er beweist noch nicht die Ursache und erst recht nicht den Täter.
NachfragenWelche Beobachtung, Messung, Aufnahme oder andere Quelle trägt den Ereigniskern?
WarnzeichenWenn Ursache oder Täter bereits im ersten Satz mit dem Schaden verschmelzen, ist die Beweiskette kaum noch sichtbar.
02
Wer nannte wann zuerst eine Person, eine Gruppe oder einen Staat?
Warum?Der Zeitpunkt der ersten Benennung zeigt, ob ein Verdacht aus einer Tatspur hervorging oder schon vor belastbaren Befunden öffentlich feststand.
NachfragenWelche Informationen lagen zum Zeitpunkt der ersten Benennung tatsächlich vor?
WarnzeichenEine frühe öffentliche Gewissheit kann spätere Ermittlungen und Berichterstattung prägen.
03
Worauf beruhte die erste Benennung des Täters?
Warum?Tatspur, Vorwissen, Ähnlichkeit mit früheren Fällen, politische Erwartung und Gerücht sind verschiedene Ausgangspunkte.
NachfragenWelche konkrete Spur verbindet den genannten Täter mit genau diesem Ereignis?
WarnzeichenVorwissen wird zum Problem, wenn es den Platz einer neuen Tatspur einnimmt.
04
Wie viele voneinander unabhängige Informationswege gibt es wirklich?
Warum?Zehn Meldungen können auf einer einzigen Ausgangsquelle beruhen.
NachfragenWelche Fundstellen hatten einen eigenen Zugang zum Sachverhalt, und welche haben nur übernommen?
WarnzeichenSuchtreffer, Abschriften und gegenseitige Zitate können eine Belegmenge nur vortäuschen.
05
Welche Schritte führen von der Ursache zur konkreten Täterschaft?
Warum?Zwischen Ursache, ausführender Person, Auftraggeber und staatlicher Verantwortung können mehrere eigenständige Beweisfragen liegen.
NachfragenWelcher Beleg trägt jeden einzelnen Übergang?
WarnzeichenEine gesicherte Ursache macht die Urheberschaft nicht automatisch sicher.
06
Wird die Tat eines Einzelnen auf eine ganze Gruppe übertragen?
Warum?Religion, Herkunft, politische Haltung oder Mitgliedschaft sind zunächst Merkmale einer Person, keine Beweise gemeinsamer Tatbeteiligung.
NachfragenWelche eigene Handlung ist für weitere Personen oder die Gruppe selbst belegt?
WarnzeichenDer Kreis der Beschuldigten darf nicht schneller wachsen als die Belege.
07
Welche andere Erklärung wurde ernsthaft geprüft?
Warum?Eine tragfähige Annahme muss sich gegen andere mögliche Erklärungen behaupten können.
NachfragenWelche Beobachtung würde die bevorzugte Annahme schwächen oder widerlegen?
WarnzeichenWenn jeder Widerspruch selbst wieder als Beweis besonderer Heimlichkeit gilt, ist die Annahme kaum noch prüfbar.
08
Wurden entlastende Angaben ebenso sorgfältig behandelt wie belastende?
Warum?Ein Dossier wird unzuverlässig, wenn nur Material gesammelt wird, das zur bestehenden Annahme passt.
NachfragenWelche stärksten Gegenbelege liegen vor, und wie wurden sie geprüft?
WarnzeichenBelastende und entlastende Angaben brauchen denselben Maßstab.
09
Wem nützt die Zuschreibung?
Warum?Politischer, wirtschaftlicher oder institutioneller Nutzen beweist keine Falschbeschuldigung, zeigt aber ein mögliches Interesse.
NachfragenWelche Folgen hätte die Annahme oder ihre spätere Korrektur für die Beteiligten?
WarnzeichenMotive sind Prüfhinweise, keine Ersatzbeweise.
10
Sind Bilder, Stimmen und Dateien auf Herkunft und Echtheit geprüft?
Warum?Ein scheinbarer Beleg kann verändert, falsch zugeordnet oder künstlich erzeugt sein.
NachfragenWo befindet sich die früheste nachweisbare Fassung, und ist die Originaldatei verfügbar?
WarnzeichenDer Inhalt eines Mediums sollte erst bewertet werden, nachdem seine Herkunft geprüft wurde.
11
Kann der Leser erkennen, was Verdacht und was belegt ist?
Warum?Die Sprache darf nicht sicherer sein als der Befund.
NachfragenIst für jede wichtige Aussage erkennbar, ob sie belegt, wahrscheinlich, umstritten, offen, widerlegt oder nur historisch behauptet ist?
WarnzeichenEin Verdächtiger wird durch eine Überschrift nicht zum Täter.
12
Was geschieht, wenn sich die Anschuldigung später als falsch erweist?
Warum?Eine Korrektur wirkt nur begrenzt, wenn die ursprüngliche Beschuldigung sichtbar bleibt und ihre Widerlegung kaum auffindbar ist.
NachfragenIst die Berichtigung an der ursprünglichen Fundstelle sichtbar und mit dem alten Stand verknüpft?
WarnzeichenEin widerlegtes Täterbild kann weiterleben, obwohl seine Grundlage längst entfallen ist.
Antwortsprache
Was darf am Ende der Prüfung gesagt werden?
Das Ergebnis ist nicht immer „wahr“ oder „falsch“. Oft ist die präziseste Antwort, dass eine Frage offen oder umstritten bleibt.
BELEGT
Belegt
Die Aussage wird durch überprüfbare Quellen oder Befunde getragen, die für genau diese Aussage ausreichen.
Nur verwenden, wenn die Belegkette den behaupteten Umfang tatsächlich trägt.
WAHRSCHEINLICH
Wahrscheinlich
Mehrere Befunde sprechen für die Aussage, es bleibt aber eine erkennbare Restunsicherheit.
Die offene Unsicherheit muss benannt bleiben; wahrscheinlich ist nicht bewiesen.
UMSTRITTEN
Umstritten
Es bestehen ernsthafte, sachlich begründete und nicht abschließend geklärte Gegenpositionen.
Die maßgeblichen Positionen und ihre jeweiligen Belege müssen erkennbar bleiben.
OFFEN
Offen
Die vorhandenen Quellen reichen nicht aus, um die Frage belastbar zu entscheiden.
Eine offene Frage darf nicht durch Sprachsicherheit geschlossen werden.
WIDERLEGT
Widerlegt
Eine frühere Behauptung ist durch belastbare Gegenbelege oder eine gesicherte spätere Klärung nicht mehr haltbar.
Die frühere Behauptung darf dokumentiert werden, muss aber als widerlegt gekennzeichnet sein.
HISTORISCHE_BEHAUPTUNG
Historische Behauptung
Die Aussage wird als historisch tatsächlich erhobene Anschuldigung oder Deutung dokumentiert; ihre damalige Existenz ist nicht mit ihrer Wahrheit gleichzusetzen.
Immer kenntlich machen, wer die Behauptung wann erhob und welchen Belegstand sie hatte.
Projektanschluss
Von der Frage zum Fall – und vom Fall zurück zur Frage.